Geschichte des Gewerkschaftshauses Kiel
"Im Zentrum der Stadt, an der Fährstraße - in absehbarer Zeit die Hauptverkehrsader; die nach Durchdämmung
des Kleinen Kiel den Norden der Stadt mit der Altstadt verbindet - liegt das Kieler Gewerkschaftshaus. Wer
seine Schritte durch die Fährstraße lenkt, bleibt unwillkürlich beim Anblick des Gebäudes stehen und betrachtet
wohlgefällig das stilgerechte und freundlich wirkende Bauwerk, das ein Schmuck der ganzen Straße ist", so beschrieb
die Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung (VZ) am 28. Juli 1907 das neue Gewerkschaftshaus in Kiel. Zwei Tage zuvor
war es von Carl Legien, dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und Kieler
Reichstagsabgeordneten der SPD, eingeweiht worden. Die Kieler Arbeiterschaft, durch die Bestimmung Kiels zum
Reichskriegshafen von kräftigem Wachstum vor allem in der metallverarbeitenden und Schiffbauindustrie geprägt,
konnte endlich ein eigenes Haus mit neuzeitlichen Zwecken entsprechenden Versammlungssälen, Büroräumen und
Gastronomie beziehen. Vorbei war die Zeit, in der man sich in fremden Lokalen unter den kontrollierenden Augen
der preußischen Polizei treffen mußte, sich trotz der längst aufgehobenen Sozialistengesetze manchen Schikanen
und Repressalien ausgesetzt sah. Diese Freiheit der Selbstbestimmung im eigenen Haus hat sich die Arbeiterschaft
teuer erkauft. Es wurden Anteilsscheine im Wert von 5 Mark ausgegeben, aufgeteilt in Marken zu je 50 Pfg. Die
Gewerkschaften erklärten sich bereit, Anteilsscheine zu erwerben, so etwa der Deutsche Metallarbeiterverband (DMV),
der am 16. September 1902 folgendes beschloß: "Die heutige Mitgliederversammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes,
Verwaltungsstelle Kiel und Umgebung, erklärt sich mit dem Vorschlag der Gewerkschaftshaus-Kommission einverstanden.
Sie verspricht, die 5.000 Mark durch Anteilsscheine von 5 Mark aufzubringen. Die eventuelle Kündigung der einzelnen
Anteilsscheine kann erst nach Verlauf von fünf Jahren erfolgen." Dies alles in einer Zeit, in der die Arbeiter zum
Beispiel auf der Werft zwischen 28 und 40 Pfg. pro Stunde verdienten. 120.000 Mark kamen auf diese Weise zusammen.
Die Gesellschaft Gewerkschaftsherberge m. b. H. wurde gegründet. Am 4. Oktober 1904 wurde der Grundstein gelegt und
am 26. Juli 1907 das Gewerkschaftshaus eingeweiht. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Kieler Arbeiterbewegung
wurde aufgeschlagen.
Nach den Plänen des Architekten Carl Voss war ein moderner Bau entstanden, der allen Anforderungen an die
damaligen Notwendigkeiten entsprach. Versammlungssäle, Büroräume und Raum für Geselligkeiten waren großzügig
angelegt und zweckmäßig verteilt. Auch an das äußere Erscheinungsbild hatten die Gewerkschaften gedacht. Es wurde
ein Bau, der den Stolz und das gewachsene Selbstbewußtsein deutlich erkennen ließ. In der räumlichen Nähe zum
politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Stadt gelegen, entstand ein Gebäude in rotem Backstein, durch helle
Putzflächen unterteilt, zum Teil mit Jugendstil-Ornamenten besetzt. Stilistisch - so Heide Fittschen in einer
Bauanalyse - ist es "aus einem verpflichtenden eklektizistischen Stil herausgelöst. Viele bekannte Elemente sind
spielerisch verwendet und nebeneinander gestellt wie zum Beispiel Rundbögen gegen Stichbögen und gerade Stürze,
verschiedenartige Gauben, Türme und Giebelformen". Selbst ein Balkon - wie ihn auch die Obrigkeit besaß - fehlte
nicht. Ein stilgerecht und freundlich wirkendes Bauwerk, wie die VZ schrieb.
Bald aber reichten die Versammlungs- und Büroräume nicht mehr aus. Nach den Plänen des Architekten Arnold Bruhn
wurde ein Erweiterungsbau erstellt und im Juli 1926 bezogen. "Der Bau zählt zu den markantesten Beispielen des
Backsteinexpressionismus und ist im Zusammenhang zu sehen mit dem ebenfalls von Bruhn entworfenen ehemaligen
Druckereigebäude der Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung in der Muliusstraße (...) sowie mit dem Gebäude der
Landwirtschaftskammer am Holstenplatz und dem Chilehaus von Fritz Höger in Hamburg" so Meike Nothdurft 1993.
Die Kachelgestaltung des Treppenhauses zeugt noch heute von dem hohen Anspruch der Bauherren. Sie stammt von der
KKK - Kieler Kunstkeramik AG, die an die traditionsreiche Kieler Fayencemanufaktur anknüpfte.
Düstere Wolken überschatteten das Gewerkschaftshaus, als es im Frühjahr 1933 die Nationalsozialisten besetzten
und für ihre Zwecke, die gleichgeschalteten Gewerkschaften in der Deutschen Arbeitsfront (DAF), nutzten. Es wurde
heruntergewirtschaftet, 1935 zwangsversteigert und von der Stadt Kiel erworben. Als das dunkelste Kapitel der
deutschen Geschichte vorüber war, setzten die wiedererstehenden Gewerkschaften alles daran, in ihr Haus zurückzukehren.
Das war ihnen zunächst nicht möglich; die britische Besatzungsmacht hatte es besetzt und nutzte es als "Empire House"
für ihre Zwecke. Das ließ die Gewerkschaften nicht ruhen. Sie sammelten Geld, nutzten Finanzmittel aus der sogenannten
Zonenrücklage einstmaligen Gewerkschaftsvermögens und gründeten Anfang 1947 die Gewerkschaftshaus Kiel GmbH. Nachdem
die Engländer ausgezogen waren, konnte das Gebäude für 423.132 Reichsmark von der Stadt zurückerworben werden. Bis
1978 blieb es eine eigenständige GmbH und wird fortan durch die Vermögens- und Treuhandgesellschaft (VTG) des DGB
betreut und verwaltet.
Noch einmal geriet das Gewerkschaftshaus in die Schlagzeilen, als am 7. April 1975 ein Großbrand in einer
Schadenshöhe von 5 Millionen DM weite Teile der Restaurations- und Versammlungsräume vernichtete. Dieses Unglück
war beim Wiederaufbau zugleich der Anlaß für eine Modernisierung. Auf das Hotel wurde verzichtet. Es kamen neue
Versammlungsräume, eine Kegelbahn, ein Parkhaus und ein eigenständiges Jugendheim hinzu. Und weitere Partner
zogen ein: die Büchergilde Gutenberg, der Auto Club Europa (ACE) und das Reisebüro "Nach Feierabend".
Das Kieler Gewerkschaftshaus ist ein Haus, das nicht nur als Bauwerk seine eigene Geschichte hat, sondern wie
kaum ein anderes vor allem auch deutsche Geschichte dokumentiert. Die folgenden Daten belegen dies eindrucksvoll:
1907/08
Einrichtung eines Arbeitersekretariats zur Beratung und Vertretung der Gewerkschaftsmitglieder in allen Fragen
aus dem Arbeitsverhältnis; ab 1912 besetzt mit Friedrich Bauer; dem späteren Bevollmächtigten Hamburgs bei der
Deutschen Reichsregierung.
Anfang November 1918
Zentrum der Zusammenkünfte des Arbeiter- und Soldatenrats im Zimmer 13 des Gewerkschaftshauses mit dem
späteren Reichswehrminister Noske als Vorsitzenden; Impuls zur Ausrufung der ersten Deutschen Republik am 9.
November 1918 in Berlin.
März 1920
Gewaltsame Zusammenstöße mit Anhängern des Kapp-Putsches mit zahlreichen Toten und Verletzten; Überwindung
des Kapp-Putsches durch Generalstreik.
2. Mai 1933
Besetzung des Gewerkschaftshauses durch die SA und Übernahme des Hauses durch die DAF
1945 - 47
Beschlagnahme und Nutzung durch die britische Besatzungsmacht (Empire House).
1956/57
Zentraler Tagungsort für den 16-wöchigen Streik der Metallarbeiter um die Gleichberechtigung mit Angestellten
im Krankheitsfall.
Die "Bewohner" des Gewerkschaftshauses waren auch sehr geschichtsbewußte Menschen. Davon zeugt auch ein Bericht
in der Schleswig-Holsteinischen Volks-Zeitung vom 2. August 1916 über die 25-Jahr-Feier des Deutschen
Metallarbeiter-Verbandes (DMV). Dort heißt es unter anderem: "Garbe [seit 1905 Vorsitzender der Verwaltungsstelle]
gedachte der opferreichen und trotzdem treuen Mitarbeit der Obmänner und Vertrauensleute. Trotz aller Maßregelungen
wurden die Posten stets aufs neue besetzt. Der Verband war in seinem Entwicklungslaufe nicht mehr aufzuhalten. Heute
werden die Vertrauensmänner respektiert (...) Er ermahnte, die Beiträge zur Kriegshilfe treu weiterzuzahlen (...)
Das Bauwerk der Verbandsorganisation muß über den Krieg hinaus erhalten bleiben." Und am 19. Juli 1926 berichtete
die VZ folgendes: "In diesen Tagen blickt die Metallarbeiterschaft Kiels auf ein 35-jähriges Bestehen der
Verwaltungsstelle Kiel des DMV zurück. Rund fünfzig Jahre ist es her; dass sich die damalige Kieler
Metallarbeitergewerkgenossenschaft eine Fahne gab. Ein ganzes Menschenalter liegt hinter der Kieler
Metallarbeiterorganisation. Das war Grund genug, die alten Kampfgenossen, die Veteranen des Verbandes, zu einer
würdigen Feier zusammenzuholen. Diese Jubiläumsfeier fand an Sonnabend im großen Saal des Gewerkschaftshauses statt."
Das Bewußtsein um die Bedeutung des eigenen Hauses verdeutlicht auch die Feier aus Anlass des 50-jährigen Bestehens
des Gewerkschaftshauses im Herbst 1957. Bruno Verdieck, der damalige Vorsitzende des DGB-Ortsausschusses Kiel, gab
gemeinsam mit der GmbH das Buch "Unser Haus" heraus.
Geschichtsbewußtsein wurde noch einmal bewiesen, als im November 1978 eine Gedenktafel zur Erinnerung an den
Matrosenaufstand vor sechzig Jahren an der Aussenfront angebracht wurde.
Ein Haus bekommt sein wirkliches Gesicht erst durch die Menschen, die hier ein- und ausgehen. Viele Tausende
sind es in all den Jahren gewesen, die als Mitglieder; als Vertrauensleute und betriebliche Funktionäre, als
Hauskassierer; "die Woche für Woche die Mitglieder zu Hause aufsuchten und den Verbandsbeitrag kassierten", oder
als hauptamtliche, vom Vertrauen der Mitglieder getragene Funktionäre das Haus belebten. Es fand ein reges
politisches Leben statt mit Konferenzen der SPD, der Arbeiterwohlfahrt, des Verbandes der Zimmerer und verwandter
Berufskollegen, des Verbandes der Landarbeiter; des Zentralverbandes der Arbeitsinvaliden und Witwen Deutschlands
und des Gesamtverbandes des Öffentlichen Dienstes des Transport-und Warenverkehrs, die in den 20er und 30er Jahren
dort tagten. Die Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) und die Deutsche Postgewerkschaft (DPG)
hielten hier nach 1945 Gewerkschaftstage ab. Zu den Menschen, die dem Haus seine Prägung gaben, gehörten auch die
Betriebs- und Personalräte. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis weit in die jüngere Zeit hinein - und auch
heute noch - trafen sich an jedem Freitagmorgen manchmal bis zu 60 bis 80 Vertreter aus Kieler Betrieben und
Verwaltungen in der "Ständigen Konferenz Kieler Betriebs- und Personalräte", um aktuelle Informationen zu erhalten
und tagespolitische Fragen aus der Arbeitswelt zu erörtern. Politiker nutzten dies gern, um die "Stimmung im Volke"
zu erkunden.
Das Gewerkschaftshaus - auch ein geistig-kulturelles Zentrum: Die Einrichtung einer Zentralbibliothek schon
in den ersten Jahren zeugt von dem Wissensdurst und der Bildungsbereitschaft der Kieler Arbeiterschaft. Die Chronik
weist aus, daß die Bibliothek im Jahre 1913 über 11.000 Besucher zählte, die insgesamt über 115.000 Bücher ausliehen.
Die große Bereitschaft zur Fortbildung unterstrichen auch Vortragszyklen, die vor dem Ersten Weltkrieg Abend für
Abend über 300 Besucher anzogen. Themen wie "Einführung in das Gebiet der Politik" von Eduard Adler, "Deutsche
Geschichte vom Ausgang des Mittelalters bis zur Französischen Revolution" von Bernhard Rausch, "Geschichte des
Entwicklungsgedankens in der Naturwissenschaft" von Engelbert Graf oder "Die Deutsche Dichtung im 19. Jahrhundert"
von P. Alberty belegen das breite Interesse der Arbeiterschaft, sich mit naturwissenschaftlichen und geistigen
Fragen der Zeit auseinanderzusetzen. Bemerkenswert sind auch Sinfoniekonzerte oder Konzerte der Arbeitergesangvereine,
Aufführungen von Chorwerken, Bücher- und Bilderausstellungen, die zum Alltag des Lebens im Gewerkschaftshaus gehörten.
Da nimmt es auch nicht Wunder; wenn der bedeutende deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies zu den Freunden des Hauses
zählte. Ein lebhaftes kulturelles Leben wies das Gewerkschaftshaus auch in den 20er Jahren auf. Ernst Busch,
Schauspieler und Sänger der Arbeiterbewegung, gehörte wie viele andere Künstler zu den häufigen Besuchern und aktiv
Beteiligten am gewerkschaftlichen Leben.
Kultur- und Bildungsarbeit spielte auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle, wenngleich ihre Bedeutung wohl
kaum an diejenige der ersten Jahre heranreichte. Auch wandelte sich das Interesse, verlagerte sich auf berufliches
Wissen, auf RefaLehrgänge und Lehrgänge des DGB-Berufsfortbildungswerks zur Beratung der Arbeitnehmer bei der
besseren Durchsetzung ihrer Rechte in den Betrieben mit den Mitteln des Arbeits- und Betriebsverfassungsrechts.
Dies geschieht durch qualifizierte Fachleute im Rechtsschutz und in der Technologieberatungsstelle. Bildungsfragen
in der Prägung der früheren Jahre, angeboten von "Arbeit und Leben" traten in den Hintergrund. Und ein neues Bedürfnis
entstand mit zunehmendem Wohlstand: die Lust am Reisen. Das Reise- und Freizeitwerk "Nach Feierabend", in den 60er
und 70er Jahren ein ergänzendes Angebot in der Mitgliederbetreuung, erfreute sich großer Beliebtheit. Eine Einrichtung,
die später im Auto Club Europa (ACE) aufging. Kulturelle Prägung erhielt das Gewerkschaftshaus auch durch zwei
Ereignisse nach dem großen Brand im Jahre 1975: die Aufstellung einer heute noch im Hof befindlichen Metallplastik
"Allumspannende Solidaritat", entworfen und hergestellt vom DGB-Berufsfortbildungswerk, und die Herausgabe einer
Grafik der Kieler Künstlerin Luise Wulf von der historischen Fassade des Kieler Gewerkschaftshauses. Vor allem die
Grafik fand weit über den Kreis der Gewerkschaftsmitglieder in der Öffentlichkeit großes Interesse.
100 Jahre Kieler Gewerkschaftshaus erweisen sich in der Rückschau als ein lebendiges Spiegelbild der Geschichte
organisierter Arbeitnehmerschaft im 20. Jahrhundert. Neben der Gewährleistung von Schutz und Hilfe, etwa durch das
frühere Arbeitersekretariat oder in der heutigen Ausprägung eines modernen Rechtsschutzes standen und stehen weiter
Einrichtungen eines Hilfswerkes, das in Not geratenen Mitgliedern seit Jahrzehnten und auch heute noch spontane
materielle Hilfe gewährt, wenn sie auch dem jeweiligen Wandel der Zeit unterworfen und angepaßt sind. Dabei spielt
der Symbolcharakter des Hauses weiterhin eine wichtige Rolle im Kieler Gewerkschaftsleben. Es ist das Wissen um die
politische Heimat, das vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Kiel nach wie vor Zusammenhalt gibt. Einigkeit
und Gemeinsamkeit einer selbstbewußten Arbeitnehmerschaft sind unverändert das prägende Merkmal des Kieler
Gewerkschaftshauses und ein gutes Fundament, um den Herausforderungen der kommenden Zeit wirksam begegnen zu können.
Nach einem Text von Karl-Heinz Köpke aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Band 79, Heft 6